Afghanistan

Afghanistan ist einer der Hauptkonfliktherde in den letzten Jahren. Wo sind die Ursachen, wo sind die Wurzeln des Landes und wie kam es zu diesen Konflikten?

Afghanistan gibt es noch gar nicht so lange. In den tausenden Jahren Geschichte gab es auf dem Gebiet (mal mehr, mal weniger des heutigen Afghanistans) immer wieder Königreiche, Städte und Fürstentümer. Im 18. Jahrhundert kam es dann während vieler Schlachten zum Sieg der Paschtunen. Damit war die Region, die zum größten Teil dem Gebiet des heutigen Afghanistans entspricht, für sieben Jahre unabhängig. Doch Nadir Schah eroberte das Gebiet dann, womit es wieder unter persischer Kontrolle gelangte. Die zuvor genannten Paschtunen sind ein iranisches Volk in Süd- und Zentralasien. Rund die Hälfte von ihnen lebt im heutigen Afghanistan.

Ahmad Schah Durrani begründete im Jahr 1747 ein selbstständiges Königreich im Osten Persiens, dass als Durrani-Reich bekannt wurde. Durrani gilt als der Begründer Afghanistans. Afghanistan selbst (Land der Afghanen) wird seit dem 16. Jahrhundert für einen regional begrenztes Gebiet verwendet. Dieses Gebiet ist heute meist als Chorasan bekannt. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Afghanistan zum offiziellen Namen des Königreiches. Doch die Ursache der Konflikte – insbesondere die mit der westlichen Welt – geht auf das 19. Jahrhundert zurück.

Amir Sher Ali Khan

In diesem Jahrhundert gab es einen Konflikt zwischen Russland und Großbritannien. Dieser ist als das große Spiel (The Great Game) bekannt, bzw. weniger bekannt. Wegen Stammesstreitigkeiten in Durranis Reich kam es zu Einmischungen von außen. Die Russen, seit jeher auf der Suche nach Zugängen zu den Meeren (Seehandel = Geld) wollten diese Krise nutzen, um einen Weg zum indischen Ozean zu bekommen. Doch England, damals Herrscher über Indien (Indo-China) spielte da nicht mit. So wurde Afghanistan erstmals Opfer von außenstehenden Mächten.

Karte des heutigen Afghanistans von 1895.

So kam es, dass die Briten Abdur Rahman Khan, der als Begründer des modernen Afghanistans gilt, auf den Thron setzten und mit den Russen die heutigen Grenzen Afghanistans festsetzten. Der Konflikt zwischen Russland und Großbritannien dauerte noch bis 1907. 1893 wurde zuvor mit der Durand-Linie eine Demarkationslinie zwischen Afghanistan und Britisch-Indien geschaffen, welche die Verantwortung über die jeweiligen Gebiete festlegte. Sie durchtrennte aber auch das Siedlungsgebiet des größten Volkes dieser Region, der Paschtunen – den eigentlichen Gründern und „Herren“ Afghanistans. Bis hin zu dem Jahr 1965 entwickelte sich Afghanistan zu einer konstitutionellen Monarchie. Im September des Jahres fanden erstmals Wahlen statt. Damit hatte nach westlicher Auffassung Afghanistan eine der weit entwickelten politischen Systeme im zentralasiatischen Raum.

Doch am 17. Juli 1973 kam es in Abwesenheit des Königs (Mohammed Sahir Schah) zu einem Staatsstreich unter Führung von dessen Cousin, dem ehemaligen Ministerpräsidenten General Sardar Mohammed Daoud Khan. Der König dankte nur fünf Wochen später ab. Daouds Regierung entwickelte sich zu einer brutalen Diktatur und wurde von Anfang an sowohl von der linken Opposition, die insbesondere in der Khalq-Partei organisiert war, als auch von islamischen Gruppierungen aus der Illegalität und dem pakistanischen Exil heraus bekämpft. 1978 kam es dann zur Abesetzung und Hinrichtung des Diktators.

Man rief die „Demokratische Republik Afghanistan“ aus (durch die Khalq-Partei) und wollte das Land zu einem modernen sozialistischen Staate umwandeln. Doch wo Sozialismus draufsteht, ist Unzufriedenheit nicht weit. Die Großgrundbesitzer, welche enteignet werden sollten, taten sich mit dem lokalen muslimischen Klerus zum bewaffneten Widerstand zusammen und nahmen dabei auch Hilfe von China, später aber auch den USA an. Darum waren die Führer der Khalq-Partei immer mehr auf sowjetischer Unterstützung angewiesen, womit sich der Einfluss Russlands auf das Land mehrte. Am 25. Dezember 1979 setzte die Sowjetregierung dann einen neuen Präsidenten ein.

Dies führte zu einem Stellvertreterkrieg in Afghanistan. Russen und Amerikaner bekriegten sich über die Vorherrschaft. So kam es, dass die Mudschaheddin die Oberhand gewannen und nur zehn Jahre später, am 15. Februar 1989 die letzten Sowjettruppen das Land verließen. Doch das Land lag in Trümmern und der Konflikt war nach Abzug der weltpolitischen Akteure noch nicht befriedet. Es gab immer noch Konflikte zwischen den Anhängern der ehemals von der Sowjetunion gestützten Regierung und den Mudschaheddin. Der Bürgerkrieg dauerte von 1989 bis 2001. 1994 traten in der südlichen Stadt Kandahar erstmals die Taliban in Erscheinung. Schließlich erlangten die Taliban und Al-Qaida die Macht und es kam zu dem Angriff der USA auf das zentralasiatische Land. Seitdem versucht sich Afghanistan mit vielen Mühen und großen Problemen zu stabilisieren.

Nach dem Weltspielplatz alles gut?

Doch wie schaut es im Land selbst aus? In dem reinen Binnenland liegen weniger als 10 Prozent des Landes unterhalb einer Höhe von 600 Metern. Der Rest ist Gebirge. Je nach Region, Höhe und Jahreszeit herrschen Temperaturen von -7 bis +40 °C. Trotz der meist herrschenden Trockenheit hat das Land mehr Pflanzenarten als es in dem deutschen Teilgebiet Bundesrepublik Deutschland gibt. Afghanistan ist doppelt so groß wie das heutige Staatsgebiet Deutschlands, hat aber weniger als die Hälfte an Einwohnern. Doch genau bei diesen stellt sich so einige Problematik dar.

80 % der Bevölkerung Afghanistans leben auf dem Land, nur 20 % in Städten. Das Land hat eine der jüngsten und an den schnellsten wachsenden Bevölkerungen weltweit. Trotz der zahlreichen Konflikte hat sich die Bevölkerung von 1950 zu 2015 verfünffacht. Außerhalb Afrikas hat das Land die höchste Fruchtbarkeit bei den Frauen. Es gibt kaum Verhütungsmittel, wodurch die Frauen – inkl. durch die dort herrschenden (auch religiösen) Gebräuche sehr früh schwanger.

Doch, ob man von einer Bevölkerung sprechen kann, lässt sich so einfach nicht sagen. Je nachdem, wo man ist, fühlen sich die Menschen einer Vielzahl ethnischer Gruppen und Stämme zugehörig. Die Paschtunen gelten als das „staatstragende Volk“.  Doch gibt es neben Tadschiken, Hazara und Usbeken noch zahlreiche andere Stämme und Gruppierungen. Welches Ausmaß dies hat, sieht man daran, dass in Afghanistan ca. 49 Sprachen und über 200 Dialekte gesprochen werden.

Ob das Land mit dieser ethnischen Mischung, der von Kriegen gepflasterten jungen Geschichte und dem zum Teil radikalen religiösen Terror jemals Frieden finden wird, bleibt eine offene Frage.

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