Prag

Bei der jüngsten Demonstration fanden sich tschechische Bürger inmitten einer drohenden Energiekrise zusammen, um gegen die NATO und die EU zu demonstrieren. Europa sieht in diesem Jahr einer sehr schwierigen und sehr kalten Jahreszeit entgegen.

Von Bradley Blankenship

Rund 70.000 Menschen versammelten sich am vergangenen Samstag auf dem zentralen Prager Wenzelsplatz, um den Rücktritt der amtierenden tschechischen Regierung zu fordern – als Reaktion auf das, was sie als Versagen bei der Bewältigung der anhaltenden Energiekrise brandmarken. Die Wut der Demonstranten richtete sich auch ausdrücklich gegen die beiden wichtigsten westlichen Institutionen, denen die ehemals nach Osten ausgerichtete Nation angehört, nämlich die Europäische Union und die NATO.

Wenn man Ministerpräsident Petr Fiala von der Demokratischen Bürgerpartei (ODS) fragen würde, wo das Problem liegt, würde er wohl antworten, dass diese Zehntausende von Menschen bloß unwissende pro-russische Handlanger sind. Wörtlich sagte er: „Der Protest auf dem Wenzelsplatz wurde von Kräften ausgerufen, die pro-russisch sind, extremen Positionen nahe stehen und gegen die Interessen der Tschechischen Republik agieren.“ Nachdem Kritik an seiner Aussage laut geworden war, bekräftigte er am Montag nach der Samstag-Demonstration seine Haltung erneut und nannte die Organisatoren des Protests eine „russische fünfte Kolonne“.

Einige Kommentatoren gingen sogar noch einen Schritt weiter und suggerierten, dass die Demonstranten buchstäblich wieder dem Warschauer Pakt beitreten und in die kommunistische Ära zurückkehren wollen. Nachdem ich nun seit einiger Zeit schon in der Tschechischen Republik lebe, kann ich versichern, dass diese Argumentationslinie völlig absurd ist. Die Tschechen wollen im Großen und Ganzen westlich sein. Sie wollen, dass ihr Land eine offene und freie Gesellschaft ist, im Gegensatz zu dem faktischen Verlies, das die Tschechoslowakische Sozialistische Republik war.

Angesichts der Art und Weise, wie die historische Vergangenheit im Land dargestellt wird, kommt selbst der liberalste Tscheche nicht umhin, einen Anflug von Groll gegen Russland und sogar die Russen selbst zu empfinden. Das war meiner Meinung nach völlig beabsichtigt, da die Wende des Landes hin zum Westen fast gleichzeitig mit einer antirussischen Stimmung einherging. Je mehr das tschechische politische Establishment den Westen umarmte, desto mehr wurden die Tschechen dazu aufgehetzt, Russland zu hassen.

Angesichts dessen halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass sich so viele Menschen die Zeit genommen haben, um im Auftrag des russischen Staates demonstrieren zu gehen. Im Gegenteil, was am Samstag tatsächlich 70.000 Menschen – einige sprechen sogar von 100.000 – auf die Straßen trieb, hat damit zu tun, dass die Lebenshaltungskosten im Land enorm gestiegen sind und weiter steigen, die Reallöhne sind im Sinkflug, während die Regierung auf einer außenpolitischen Linie beharrt, mit der die Probleme verschärft werden. All das ist vollkommen logisch und erfordert keine Verschwörungstheorie.

Tatsächlich haben tschechische Gewerkschaftsführer für den 8. Oktober zu einer Demonstration aufgerufen, die zu denselben Themen und am selben Ort wie am vergangenen Samstag stattfinden soll. Glaubt der Ministerpräsident tatsächlich, dass Russland die tschechische Arbeiterbewegung unterwandert hat? Angesichts der in der tschechischen Gesellschaft vorherrschenden Feindseligkeit gegenüber Russland und den Russen erscheint dies außerordentlich unwahrscheinlich.

Auch hier bleibt uns nur die Schlussfolgerung – so surreal es für die politische Elite klingen mag –, dass die Anliegen, die von den Bürgern angesprochen werden, genau jene Punkte widerspiegeln, die ihnen Angst machen. Das Leben wird unerschwinglich und die Tschechen wollen kein Leben in Not und Ungewissheit führen, nur um die ukrainische Regierung zu stützen. Das ist reine Selbsterhaltung und sagt nichts über angebliche „Werte“ oder „Ideale“ aus.

Was in Prag passiert ist, ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was den westlichen Ländern bevorsteht, wenn sie den Weg, den sie derzeit beschreiten, weitergehen. Darauf kann man getrost wetten. Auf dem ganzen europäischen Kontinent mehren sich die Anzeichen sozialer Unruhen aufgrund der steigenden Lebenshaltungskosten, insbesondere der Kosten für Energie. Und wir sind noch nicht einmal am Ende des Sommers angekommen.

Wenn wir den 1. September als Herbstbeginn betrachten, dann demonstrierten nur wenige Tage danach 70.000 Menschen in Prag. Die Frage ist, wie es aussehen wird, wenn die kalten Monate einsetzen und das Heizen unerschwinglich wird? Wie viele Menschen müssen auf die Straßen gehen, bevor Politiker wie Premierminister Fiala zugeben, dass es ein Problem gibt und die sozialen Unruhen nicht bloß einer russischen Verschwörung zugeschrieben werden können?

Wir haben bereits während der COVID-19-Pandemie gesehen, wie wenig die Menschen ihre Eigeninteressen – oder auch nur ihre Bequemlichkeit – für die Idee des Allgemeinwohls opfern. Das Coronavirus hat gezeigt, dass solche Ideale völlig nutzlos sind, um die westliche Bevölkerung zu mobilisieren. Die Menschen sind zu individualistisch und zu stur und das Gemeinwohl ist offenbar nicht attraktiv genug.

Glaubt vor diesem Hintergrund überhaupt jemand, dass die Bürger der EU bereit sind, sich für Wladimir Selenskij und seine Regierung in die Armut zu stürzen? Sehr unwahrscheinlich. Europa sieht in diesem Jahr einer sehr schwierigen und sehr kalten Jahreszeit entgegen, wenn die derzeitige außenpolitische Linie beibehalten wird. Erst in Prag, dann in Paris, London, Berlin, Madrid und so weiter.

Bradley Blankenship ist ein in Prag lebender amerikanischer Journalist, Kolumnist und politischer Kommentator. Er hat eine Kolumne bei CGTN und ist freiberuflicher Reporter für internationale Nachrichtenagenturen, darunter die Nachrichtenagentur Xinhua. Er twittert auf @BradBlank_

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