Johannes-Wilhelm Rörig

Gemeinsam gegen Missbrauch – darum geht es beim Instagram-Kanal des Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig. Im Interview berichtet er, was hinter der Social Media-Präsenz steckt und warum es wichtig ist, sich gerade in Corona-Zeiten mit dem Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche auseinanderzusetzen. 

Ein Interview des Bundespresseamtes vom 12. Oktober 2020.

Herr Rörig, seit dem 2. Oktober sind Sie auf der Foto- und Video-Plattform Instagram aktiv. Mit welchem Ziel haben Sie den Kanal @missbrauchsbeauftragter gestartet?

Johannes-Wilhelm Rörig: Unser Kanal hat das Ziel, mehr Aufmerksamkeit für das Thema sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen zu schaffen und in einen zielgerichteten und produktiven Diskurs mit speziellen Zielgruppen und insbesondere auch mit der jüngeren Community zu treten. Wir möchten erreichen, dass möglichst viele Menschen wissen, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche nicht eine Ausnahme ist, sondern nahezu alltäglich und überall stattfindet. Wir wollen, dass alle lernen, auf Anzeichen in der eigenen Umgebung zu achten, und wir wollen das Umfeld von Kindern ermutigen, nicht wegzusehen, sondern zu handeln. Hierfür geben wir Antworten auf Fragen wie zum Beispiel: Wie gehe ich mit einem Verdachtsmoment oder einem komischen Bauchgefühl um? Wo finde ich Unterstützung? Was kann jede und jeder tun, damit Kinder und Jugendliche erfahren: es gibt Hilfe?

Wen möchten Sie mit Ihrem Kanal ansprechen?

Rörig: Der Instagram-Kanal richtet sich grundsätzlich an alle: Denn jede und jeder von uns ist Nachbar, Bürger oder Familienangehöriger und kann aufmerksam sein. Wir werden darüber hinaus immer wieder gezielt Inhalte für Gruppen produzieren, die besonders viele Berührungspunkte mit Kindern und Jugendlichen in ihrem Arbeitsalltag haben: Lehrende, Erzieherinnen und Erzieher, Pädagogen, Ärzte, aber auch Trainer in Sport- oder Jugendverbänden. Gleichzeitig lässt sich ein Trend zur politischen Positionierung auf Instagram beobachten. Immer mehr junge Menschen nutzen ihr Netzwerk und ihre Reichweite auf Instagram, um politischen Prozessen ein Sprachrohr zu geben oder zu spiegeln, was in der Welt passiert. Wir erreichen also über Instagram auch eine Zielgruppe, die großes Interesse daran hat, unserem Thema mehr Sichtbarkeit zu verleihen und die wiederum selbst Aktivitäten im Kampf gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen mobilisieren kann. 

Warum ist es wichtig, mehr Menschen für das Thema zu sensibilisieren?

Rörig: Sexueller Missbrauch findet täglich, überall und mitten unter uns statt. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass jede und jeder ein Kind kennt, das sexuelle Gewalt erlitten hat oder aktuell erleidet. Laut Zahlen aus China, Italien und Spanien hat die Gewalt in der Familie während der Zeit der dortigen Corona-bedingten Ausgangssperren sogar noch einmal zugenommen. In Deutschland haben wir mit der Aktion “Kein Kind alleine lassen” reagiert und eine Internetseite ins Leben gerufen mit Hilfsangeboten, Notrufnummern und Informationsmaterialien. Die Aktion ist ein großer Erfolg: Unsere Materialien wurden in großer Zahl heruntergeladen und verteilt, bundesweit haben sich Menschen, Organisationen und Unternehmen beteiligt. 

Die Aktion “Kein Kind alleine lassen” setzt darauf, dass sich möglichst viele Menschen daran beteiligen, Hilfsangebote, Beratungsstellen und Notrufnummern bekannt zu machen. Auf www.kein-kind-alleine-lassen.de finden Kinder und Jugendliche direkten Kontakt zu Beratungsstellen; Erwachsene bekommen Informationen, was sie bei sexueller und anderer familiärer Gewalt tun können. Darüber hinaus gibt es viele Materialien, die auch für die Verbreitung auf Social Media genutzt werden können.

Wenn wir die Aufgabe ernst nehmen und Kinder und Jugendliche wirklich besser vor sexueller Gewalt schützen wollen, müssen alle den Kampf gegen sexuellen Missbrauch als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreifen und aktiv führen. Deshalb müssen wir gemeinsam – gerade auch jetzt durch die Herausforderungen durch die Corona-Pandemie – das Netz aus Prävention, Intervention und Hilfen für Kinder, Jugendliche und erwachsene Betroffene dringend weiter ausbauen und dauerhaft stärken. Am Kinderschutz darf auch in Krisenzeiten nicht gespart werden. Ende

2011 wurde Johannes-Wilhelm Rörig zum Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs berufen. Seither kümmern er und sein Team sich um die Belange von Menschen, die in ihrer Kindheit Opfer von sexueller Gewalt wurden. Warum es einen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung braucht und was ihn antreibt, das lesen Sie im Porträt

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