Homeschooling

Leverkusen (ots) – Ärztebefragung der pronova BKK zeigt, welche gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei Kindern in Brennpunktpraxen auftreten

Kinder aus sozial schwächeren Familien haben unter der Corona-Krise mit Schul- und Kitaschließungen besonders gelitten. Kinderärzte in Brennpunktpraxen diagnostizieren vermehrt gesundheitliche Probleme, die sie auf die Einschränkungen zurückführen. Das zeigt die Studie “Homeschooling und Gesundheit 2020” der pronova BKK, für die 150 niedergelassene Kinderärztinnen und Kinderärzte befragt wurden.

44 Prozent der Kinderärzte aus Praxen in eher schlechter sozialer Lage sagen, dass sie mit Beginn der Corona-Krise bei Kindern und Jugendlichen vermehrt körperliche Beschwerden festgestellt hätten. Im bundesweiten Schnitt aller Praxen sind es lediglich 37 Prozent. Bei der Befragung wurden die Ärzte gebeten abzuschätzen, wie hoch der Anteil ihrer Patienten aus Haushalten mit geringer Bildung, schlechter Ausbildung, geringem Einkommen oder aus prekären Verhältnissen ist.

Vor allem Schlafstörungen, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und Konzentrationsschwierigkeiten beobachten Kinderärzte verstärkt in sozial schwächeren Milieus. Depressionen treten dagegen in allen Gesellschaftsschichten gleich häufig auf, so die Einschätzung der Mediziner. 34 Prozent der Pädiater in sozial schwächeren Milieus, aber nur 30 Prozent aller Kinderärzte berichten von einer Zunahme von Entwicklungsverzögerungen im motorischen Bereich, die sie auf die Einschränkungen in der Corona-Krise zurückführen.

In der Enge der eigenen vier Wände

Räumliche Enge zu Hause sowie durch Homeschooling verschärfte schulische Probleme machten besonders Kindern aus sozial schwächeren Elternhäusern das Leben schwer. Vor allem in Praxen in entsprechenden Wohnvierteln wird die fehlende Anleitung beim Lernen als großes Problem des Homeschooling gesehen: 68 Prozent der Kinderärzte stellen dies fest, im bundesweiten Schnitt sind es dagegen nur 61 Prozent. Weitere Probleme, die laut kinderärztlicher Einschätzung sozial schwache Familien stärker belasteten als die Durchschnittsfamilie, waren fehlende technische Ausstattung, um dem Online-Unterricht zu folgen (+10 Prozentpunkte), Bewegungsmangel (+5 Prozentpunkte) und zu wenig Raum und Ruhe zum Lernen durch die häufig beengte Wohnsituation (+5 Prozentpunkte). Vier von zehn Befragten sehen Kinder aus schwierigeren Verhältnissen zu wenig an der frischen Luft – im bundesweiten Schnitt sagen dies nur gut drei von zehn Befragten. “Homeschooling vergrößert die soziale Kluft und schmälert weiter die Chancen der Kinder, die bereits von Haus aus benachteiligt sind”, sagt Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. “Schule, Kindergarten, Sportverein und andere Angebote für Kinder und Jugendliche sorgen für gesellschaftliche Teilhabe. Entfallen all diese Angebote und sind die Kinder auf ihr Elternhaus beschränkt, fehlt vielen die Unterstützung, die sie benötigen.”

Angst als Teil des Corona-Alltags erlebt

Die Angst um Angehörige wie etwa die Großeltern und die Angst vor Ansteckung waren in den sozial schwachen Familien stärker ausgeprägt und belasteten die Kinder besonders. Der ängstliche Blick auf das Coronavirus könnte ein Auslöser für Traumata sein, mit denen 76 Prozent der Pädiater hier rechnen. Das sind 8 Prozent mehr als der Durchschnitt aller Praxen: Insgesamt erwarten 68 Prozent der Kinderärzte, dass das Erlebte in der Corona-Krise bei ihren jungen Patienten Traumata hervorruft.

Auch häusliche Gewalt und Vernachlässigung beobachten die Mediziner verstärkt in ärmeren Milieus. Hier sind es 38 Prozent der befragten Kinderärzte – gegenüber 27 Prozent im Schnitt aller Befragten. “Problematisch ist aus medizinischer Sicht, dass mit den Schul- und Kitaschließungen gleichzeitig ein Frühwarnsystem für häusliche Gewalt in der Corona-Krise entfiel. Die große Mehrheit der Kinder- und Jugendärzte rechnet mit einer hohen Dunkelziffer”, sagt Fischbach.

Angesichts der Probleme sind Ärzte vehement gegen Schulschließungen

Naheliegend, dass Ärzte mit Praxen in sozial schwächeren Wohngebieten angesichts der Probleme während der Corona-Krise von Einschränkungen im Schulbetrieb besonders eindringlich abraten. Vier von zehn Medizinern in diesen Gebieten sind für einen Regelbetrieb ohne Einschränkungen in allen Schulformen. Im Schnitt sind die Kinderärzte in dieser Frage etwas verhaltener. Auch im Fall einer zweiten Welle würden gut 40 Prozent der Ärzte aus sozial schwächeren Vierteln gegen eine erneute Schließung von Grundschulen und Kindergärten eintreten, bei weiterführenden Schulen wären ein Drittel für den Weiterbetrieb. Im Schnitt aller befragten Kinderärzte fällt die Gruppe der Gegner von Einschränkungen im Schul- und Kitabereich bei einer zweiten Corona-Welle etwas kleiner aus.

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