Schweine

Berlin (ots/DBV) – Die Ankündigung von Aldi, ab 2030 nur noch Fleisch der Haltungsstufen 3 und 4 anzubieten, kommentiert der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied: „Den Worten müssen auch Taten folgen! Die Haltungsstufen 3 und 4 sind aktuell eine absolute Marktnische. Wenn das Angebot in diesem Segment weiterentwickelt werden soll, sind in der Tierhaltung massive Investitionen und vor allem langfristige und verlässliche Liefervereinbarungen erforderlich. Aber offensichtlich ist der Lebensmitteleinzelhandel nun bereit, auch im Einkauf erhebliche Summen aufzuwenden, um mehr Tierwohl angemessen zu honorieren. Daran hat es bisher häufig gefehlt, wie der Preisdruck der zurückliegenden Wochen ein weiteres Mal bewiesen hat. Glaubwürdig wird diese Ankündigung nur, wenn auch Verarbeitungsware und Fleischerzeugnisse mit einbezogen werden. Wir sind gespannt, wie Aldi sich das vorstellt. Ohne Umsetzung der Empfehlungen des Kompetenznetzwerks Nutztierhaltung und ohne Überwindung der politischen Blockade beim Tierwohlvorrang im Baurecht dürfte aus dieser Idee ohnehin nichts werden, weil die erforderlichen Angebotsmengen nicht bereitgestellt werden können.“

Parteipolitisch erklären Renate Künast, Sprecherin für Ernährungs- und Tierschutzpolitik, und Friedrich Ostendorff, Sprecher für Agrarpolitik jeweils der Grünen:

„Die Realität führt die rückwärtsgewandte Agrarpolitik der Union einmal mehr ad absurdum. Die Ankündigung von Aldi ist ein deutlicher Fingerzeig: Tierhaltung, so wie sie von der Agrarindustrie betrieben und von der Union unterstützt wird, findet in der Gesellschaft keine Mehrheiten mehr. Der von Landwirtschaftsministerin Klöckner geplante Umbau in der Tierhaltung in möglichst winzigen Schritten bis 2040 ist damit nicht nur in dieser Wahlperiode gescheitert, sondern auch ein überholtes Jahresziel.

Bis zum Ende dieser Wahlperiode hat es die Ministerin fahrlässig versäumt, Landwirtinnen und Landwirten Planungssicherheit zu geben. Tiere haben nicht mehr Platz und auch der soziale Ausgleich ist nicht vorbereitet. Angesichts der Herausforderung von Klima und Artenvielfalt grenzt diese Bilanz an Arbeitsverweigerung.

Es ist der richtige Weg, wenn nun endlich mehr Fleisch aus den anspruchsvolleren Haltungsstufen 3 und 4 in den Markt kommt. Das Signal lautet: Wer jetzt einen Stall baut, sollte direkt auf tierwohlgerechte Ställe setzen. Die Veränderungen im Fleischmarkt werden immer dynamischer. Niedrige Haltungsstandards werden mittelfristig ausgelistet und haben keine Zukunft. Der Lebensmitteleinzelhandel ist den Zielen der CDU/CSU inzwischen weit voraus. Mit dem Haltungskompass ist bei den Verbrauchern ein Label etabliert worden. Darauf sollte aufgebaut werden.“

Mahi Klosterhalfen, Präsident der Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt, teilt dazu mit:

„Aldi geht mit dieser Ankündigung weit über das hinaus, was sich Agrarindustrie und Politik bislang in den nächsten zehn Jahren vorstellen konnten. Auch wenn Kritik immer möglich und wichtig ist: Das Vorhaben ist im Großen und Ganzen äußerst lobenswert und setzt Maßstäbe.

Bislang hat sich der deutsche Lebensmitteleinzelhandel von einem kleinen Schritt zum nächsten gehangelt und der Zeithorizont umfasste maximal drei Jahre. Aldi will jetzt deutlich größere Schritte gehen und legt ein Grobkonzept für ein ganzes Jahrzehnt vor. Das ist neu und wichtig. Wir hoffen, dass das einen Wandel im Einzelhandel einläutet und auch die anderen Unternehmen anfangen, größer zu denken.

Wir gehen davon aus, dass Aldi sein Versprechen sehr ernst meint und einiges in Bewegung setzen wird, um die Umstellung zu sichern. Es wird sicherlich eine Herausforderung, genug Lieferanten an Bord zu holen. Denn der Deutsche Bauernverband und die restliche Agrarindustrie wollen Fortschritt nur mit angezogener Handbremse. Die will Aldi jetzt ein Stück weit lösen.

Wir erwarten auch gesellschaftlich positive Auswirkungen: Durch die höheren Tierschutzstandards wird Fleisch etwas teurer werden. Dadurch wird der Konsum etwas zurückgehen. Diese Entwicklung ist überfällig, wenn man bedenkt, dass der hohe Fleischkonsum wesentlich zu Krankheiten, Umweltschäden sowie grausamen Bedingungen in der Zucht, Mast und Schlachtung von Tieren beiträgt.

Kritisch sehen wir vor allem, dass die Überzüchtung von Schweinen und Rindern in den >Haltungsform<-Stufen 3 und 4 nicht angegangen wird. Auch dass derzeit noch alle Bio-Standards in Stufe 4 ein Zuhause finden, ist problematisch. Denn leider erfüllt der Großteil der Bio-Ware bei weitem nicht das, was Verbraucherinnen und Verbraucher sich vorstellen. Hier hat sich eine Art Industrie-Bio mit enttäuschenden Tierschutzstandards etabliert, was fast nur Insider mitbekommen haben. Wenn Bio jetzt noch weiter an Bedeutung gewinnt, wird auch der Druck von Tierschutzorganisationen wachsen, dass Bio seinem Ruf gerecht werden muss.“

Erst im November 2020 hatte Aldi sich als erster Lebensmitteleinzelhändler in Deutschland zur Europäischen Masthuhn-Initiative bekannt. Die Kriterien der Initiative wird Aldi bis 2026 umsetzen.

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