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Schön ist der Anblick nicht: Vernagelte Ladentüren zeugen landauf, landab von Leerständen. Die Gründe sind vielfältig, Corona hat das Problem noch verschärft. Es gibt aber auch Gegenkonzepte und punktuelle Fortschritte.

Kiel (dpa/lno) – Nicht einmal 200 Meter sind es in Kiel vom Alten Markt zur Holstenbrücke. Fünf Leerstände allein auf einer Seite. Der alteingesessene Schuhhändler ist lange weg, der große Herrenausstatter noch viel länger. Wer noch da ist, kämpft mit Rabatten: 30 Prozent, 50 und gar 70 Prozent schreit es dem Passanten entgegen. Wenn in solchen Einkaufsstraßen in Schleswig-Holstein jemand neu einzieht, dann sind das oft Backshops, Handy- oder Dönerläden.

Schleswig-Holsteins zweitgrößte Stadt Lübeck sowie kleine und mittlere Städte haben ebenfalls Sorgen wegen Leerständen. «In den Innenstädten haben wir davon mehr als vor einigen Jahren», bestätigt die Geschäftsführerin des Handelsverbandes Nord, Mareike Petersen.

Andere Einkaufsgewohnheiten, mangelnde Aufenthaltsqualität, Online- Handel, Einkaufszentren auf der grünen Wiese, dann noch Corona und das Karstadt-Dilemma – viele Faktoren bewirken Leerstände. Und: «Einer zieht den nächsten nach», sagt Petersen. Sie nennt weitere Punkte: «Gibt es einen guten Branchenmix und kulturelle Angebote, sind Geschäfte gut erreichbar für Busse, Züge, Fahrräder, Autos?»

Leerstehende Läden überall – Bild von Ulrich Dregler auf Pixabay

In den letzten Jahren habe das gegolten: «Je ländlicher die Handelsstandorte liegen, desto bedrohlicher sind die Auswirkungen», sagt Petersen. Das Coronavirus habe die Lage aber noch einmal für Städte mit Tourismus und Kreuzfahrtschiffen erschwert, also besonders für Kiel und Lübeck. «Wir müssen davon ausgehen, dass Corona die Innenstädte noch mehr ins Strudeln geraten lässt», sagt Petersen.

Auch im stolzen Lübeck wirkt die Fußgängerzone zum Teil trist. Leere und verklebte Schaufenster, vernagelte Türen – in der 1-A-Lage zwischen Beckergrube und Wahmstraße stehen mehrere Geschäfte leer. Inhaber kleinerer Läden sehen das mit Sorge. Als Reaktion hat die Wirtschaftsförderung im Frühjahr einen Leerstandsmanager eingestellt.

Eine Katastrophe für die Innenstädte von Flensburg, Norderstedt, Neumünster und Lübeck sieht Petersen im anstehenden Karstadt-Abzug. «Es ist schwer, so große Gebäude neu zu besetzen – das sind bisher Ankerzentren für Innenstädte.»

In Kiel haben seit Jahren währende Bauarbeiten im Herzen der Stadt Geschäftsschließungen zusätzlich befördert. Das Innenstadt-Management macht seit drei Jahren ein «Leerstandsmonitoring». Das zählt 21 Leerstände, eine Quote von sieben Prozent. An mehreren Flächen weisen Umbauarbeiten auf Neuansiedlungen.

Mieterhöhungen auch ein Grund für Räumungen – Bild von SofieLayla Thal auf Pixabay

Nach Angaben der Stadt hat sich die Zahl der Leerstände binnen drei Jahren sogar etwa halbiert. 2019 gab es demnach 23 Neueröffnungen in der Innenstadt – von der Bonbonmanufaktur bis zum Modekaufhaus. Trotz der Pandemie setze sich der Positiv-Trend fort, so eine Sprecherin. Weitere Neueröffnungen stünden in den Startlöchern, besonders am gerade fertigen Kleinen Kiel-Kanal, einer künstlichen Wasserfläche.

«Online-Konkurrenz und Einkaufszentren außerhalb der Innenstadt sind auch in Kiel Herausforderungen für den Innenstadthandel», sagt Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD). «Wir steuern seit Jahren dagegen, indem wir den Dreiklang aus Wohnen, Arbeiten und Leben wieder aufleben lassen.» Mehr als 700 neue Wohnungen im Herzen der Stadt, ein neuer Omnibusbahnhof als Kunden-Zubringer und der Kleine Kiel-Kanal sollen das Leben zurück in die Innenstadt bringen. Neue Investitionen von mehr als einer halben Milliarde Euro in den letzten fünf Jahren bestätigten den Erfolg. Die Besucherzahl in der Innenstadt habe fast wieder den Vor-Corona-Stand erreicht.

«Aber wenn die Menschen in Geschäfte gehen, kaufen sie nur, was sie geplant haben», sagt Petersen. «Nach links und rechts schaut kaum jemand, um mehr zu kaufen.» Die Maskenpflicht nimmt den Spaß am Shoppen.

«Die Innenstädte und Ortszentren müssen sich den Erwartungen der Kunden anpassen», sagt für die IHK Kiel Vize-Hauptgeschäftsführerin Julia Körner. «Sie wollen heutzutage eine gute Mischung aus Handel, Gastronomie, Dienstleistungen und Freizeitangeboten.» Wer in die Stadt geht, wolle etwas erleben und sich wohlfühlen. «Individuelle Geschäfts- und Standortkonzepte scheinen sich aktuell gut zu behaupten.» Am erfolgreichsten sei man dort, wo verschiedene lokale Akteure gemeinsam Gestaltungskonzepte für die Ortszentren erarbeiten. Je kleinteiliger und vielfältiger ein Standort werde, desto wichtiger sei die Abstimmung zwischen Gewerbenutzung, Immobilienanbietern und Verwaltung. «Dies ist nicht immer leicht», sagt Körner.

In Kiel kümmert sich ein Innenstadt-Management um temporäre Leerstände und initiiert Schaufensterdekorationen oder Pop-up-Stores, Läden, die vorübergehend Leerstände füllen. Der Stadt zufolge wurden so mehr als 20 «Zwischennutzungsprojekte» in 10 Immobilien umgesetzt. Aktuell arbeitet sie an Konzepten für das nächste Jahrzehnt. «Innovativer Nutzungsmix» ist ein Schlagwort. So ist am Kleinen Kiel-Kanal das «Kieler Ding» geplant – mit Gastronomie, Handel, Coworking und Veranstaltungszentrum. Hamburg hat schon so ein «Ding».

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