Kot

Der Verbesserung der hygienischen Umstände in großen Teilen der Welt, einer höheren Verfügbarkeit von Nährstoffen und einigen wirklich sinnvollen Medikamenten und medizinischen Möglichkeiten ist es zu verdanken, dass man nicht mehr so einfach an grippalen Effekten und anderen „seichteren“ Krankheiten verstirbt, wie noch vor einigen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten. Doch sind seitdem auch Krankheiten aufgetaucht, die man vorher nicht kannte. Experten sehen hier einen möglichen Zusammenhang mit der Darmflora, bzw. der Breite unseres Mikrobioms und entdeckten 2013 einen vielversprechenden Forschungszweig wieder. Die Rede ist von der unappetitlich klingenden Stuhltransplantation.

Als sogenanntes Mikrobiom bezeichnet man die Gesamtheit aller Mikroorganismen (Bakterien, Archaeen, Viren, Pilze und Protozoen), die einen Makroorganismus (Mensch, Tier, Pflanze) besiedeln. Diese können unter anderem das Immunsystem, den Stoffwechsel und das Hormonsystem des Wirts beeinflussen. Doch gerade in unserer hochentwickelten westlichen Welt ist die Breite der Darmbakterien bei vielen Menschen sehr viel geringer, als Beispielsweise bei den Hadza in Tansania, wie der Anthropologe Jeff Leach herausfand.

Die Gründe für die geringere Bandbreite an Darmbakterien sind vielfältig. Dabei besitzen wir über 100 Millionen Darmbakterien und über 1.000 verschiedene Bakterienarten. Die Zusammenarbeit damit ist eine wichtige Symbiose für unser Leben, bzw. unsere Gesundheit. Die Stoffe, die einzelne Bakterien bei ihrer „Arbeit“ herstellen, ähneln teilweise Medikamenten, bzw. Stoffen, die Wissenschaftler in Laboren herstellen, um Krankheiten zu heilen. Wenn sich diese Vielfalt an Bakterien reduzieren, besteht also die Möglichkeit, dass wir krank werden.

Und dass dieses geringer ausfällt, fängt teilweise sogar schon bei der Geburt an. So fanden Forscher zum Beispiel heraus, dass Kindern, die per Kaiserschnitt geboren werden, die Vaginalbakterien der Mutter nicht oral aufnehmen und diese später auch nicht nachbilden. Sie neigen häufiger zu Erkrankungen, wie zum Beispiel Asthma. Aber auch eine einseitige Ernährung kann ausschlaggebend sein. Genau so sind aber auch die Zuchtpflanzen ein Problem. Früchte und Gemüse wurden über Jahrhunderte gezüchtet, so dass nur die Hochwertigen vermehrt wurden. Dadurch hatten diese aber auch ein ärmeres Angebot an mikrobiologischer Vielfalt zu bieten, so dass man zu Recht sagen, dass beispielsweise unser heutiger Weizen maßlos überzüchtet ist und nicht mehr den Nährwert aufweist, den die Pflanze ursprünglich hatte. Hinzu kommt häufiger, wenn nicht gar zu häufiger Gebrauch von Medikamenten, allen voran Antibiotika, die natürlich gezielt Bakterien abtöten – also auch die von uns benötigten wichtigen Bakterien. Künstliche Inhaltsstoffe in Nahrungsmitteln wie Geschmacksverstärker, Emulgatoren, etc. leisten dort den Rest. Wissenschaftler fanden heraus, dass diese chemischen Zusatzstoffe über längere Zeit die Vielfalt unseres Mikrobioms verkleinert. Laut Prof. Dusko Ehrlich haben Studien ergeben, dass jeder vierte Mensch ein zu kleines Mikrobiom besitzt. Er spricht von einem „verarmten Mikrobiom“. Aber auch balaststoffarme Ernährung führt zu einer Verringerung des Mikrobioms. Amerikanische Studien ergaben, dass Kinder, welche vor dem sechsten Lebensmonat Antibiotika bekamen, zu Übergewicht und Asthma neigen.

Eine Möglichkeit, diesen Verlust an Bakterien und damit einhergehende Krankheiten wie Morbus Crohn zu heilen, besteht in der sogenannten Stuhltransplantation. Dabei werden die Bakterienstämme aus dem Kot von „gesunden“ Menschen mit einer vielfältigen Darmflora genommen, aufbereitet und der erkrankten Person verabreicht. Bereits in China soll eine derartige Behandlung bekannt (4. Jahrhundert). 1958 wurde in Denver bei einem Patienten mit fulminanten lebensbedrohlichen pseudomembranösen Enterokolitis die Stuhltransplantation durchgeführt und führte zum Erfolg. Jedoch wurde der Therapieansatz nicht weiter verfolgt.

Erst 2013 nahm man die Forschung hierzu wieder auf. Menschen, bei denen Antibiotika nicht mehr halfen, konnten mit einer Stuhltransplantation geheilt werden. Und zwar teilweise innerhalb von 24 Stunden. Eine Studie aus den Niederlanden belegte, dass bei einer Infektion mit einem Bakterium 30 % der mit Antibiotika behandelten Menschen gesund wurden und 94 % der mit einer Stuhltransplantation behandelten Personen. Mittlerweile ist bewiesen, dass die Stuhltransplantation bei folgenden Krankheiten helfen kann:

  • Chronische Darmerkrankungen, wie Morbus Crohn, Darmentzündung, Dickdarmentzündung, Dünndarmentzündung
  • Reizdarmsyndrom
  • Glutenunverträglichkeit
  • Chronische Verstopfung
  • Colitis ulcerosa (Entzündung der Darmschleimhaut)
  • Multiple Sklerose
  • Chronisches Erschöpfungssyndrom
  • Übergewicht und Diabetes Typ II

An weiteren Einsatzgebieten, wie z. B. Krebs, wird geforscht. Allerdings übernehmen in Deutschland die Krankenkassen die Kosten für die Stuhltransplantation nur für eine Infektion mit dem Bakterium Clostridium difficile. Bei allen anderen Krankheiten muss der Patient die Kosten selber tragen. Diese belaufen sich aber aktuell auf 100 bis 200 Euro pro Behandlung.

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